Abenteuer Dampflokführer
 
 
Für das ultimative Dampferlebnis reist man nach Wolsztyn, eine Provinzstadt in Polen. Unter der Woche werden Dampflokführer für Museumsbahnen der ganzen Welt ausgebildet. Bei unserer Ankunft waren es Schotten und Waliser, die später auf ihren vielen heimischen Touristenbahnen eingesetzt werden möchten. Am Wochenende hat jeder Erwachsene Gelegenheit, eine „Fahrstunde“ auf der 80 km langen Strecke von Wolsztyn nach Poznan zu absolvieren. Der „Fahrlehrer“ ist ein Lokführer eines fahrplanmässigen Personenzuges. Er zeigt dir Schritt für Schritt, wie du anfahren musst, ohne dass die Räder des Ungetüms durchdrehen aber doch recht schnell eine flotte Geschwindigkeit erreicht wird, wie du bremsen musst, ohne dass die Fahrgäste von den Sitzen fallen, bei welchen Bahnübergängen du wie oft und lange pfeifen musst usw. Und das alles mit einem gut besetzten fahrplanmässigen Personenzug!!!
Kosten für 4 Std. nach Poznan und zurück ca. 50 Euro (egal ob für 1 bis 4 Personen)
 
Die Reise begann mit meinem Bruder Alois (Reiseplaner) und meinem Arbeitskollegen Heiri in Basel, wo wir mit dem ICE nach Berlin starteten, dort den Zug nach Posen (Poznan) bestiegen um von dort mit dem Regionalzug nach Wolsztyn zu gelangen.
 
Bei der Ankunft kurz vor Mitternacht empfängt uns
der „Nachtportier“ des Bahnwerks. Er betreut die
Lokfahrschüler, die im Bahnwerk übernachten
(einfache Mehrbettzimmer mit Gemeinschafts-WC und
Duschen für ca. 10 Euro)
Aber seine Hauptaufgabe ist, alle ein bis zwei Stunden
mit einer Schaufel Kohle, die für den nächsten Tag
vorgesehenen Dampfloks, unter Dampf zu halten.
 
Den nächsten Tag (nebliger Freitag anfangs Oktober) beginnen wir mit einem Rundgang durchs Bahnbetriebswerk mit dem grossen
Lokschuppen hinter der Drehscheibe. Es ist ca. 7 Uhr
morgens und schon einiges los. Es wird rangiert, bekohlt
und an defekten Loks gewerkelt. Für 2 bis 3 Euro darf
man sich auf dem ganzen Bahngelände frei bewegen und
unbeschränkt filmen und fotografieren. Am Nachmittag
bemühen wir uns zu Dritt, einige „Fahrstunden“ auf einem
der bis 160-Tonnen-Dampfrösser zu ergattern. Es ist nur
noch eine Hin- und Rückfahrt frei und zwar im Personen-
zug am Sonntagmorgen, fahrplanmässige Abfahrt 04.16 Uhr. Tagwache 03.15 Uhr!!!
 
Es ist Sonntag, in aller Herrgottsfrühe. Kurz was
gefrühstückt und um 3.40 Uhr stehen wir vor unserer
OL49-69. Ach, oh Schreck, da stehen noch andere
herum, die mitfahren möchten. Wir zeigen unsere
Reservation vom PKP-Direktor persönlich ausgefüllt und
das gibt bei den andern Stirnrunzeln und uns die
Legitimation, heute unsere Fahrstunden zu absolvieren.
Die andern zotteln enttäuscht ab. Nächster Schreck: Die
Fahrlehrer sprechen kein Wort Deutsch oder Englisch und
wir kein Polnisch. Was nun? Ganz einfach: „learning by doing“.
 
Zuerst werden auf Gleis 7 die Personenwagen abgeholt
und der Zug am Perron 3 aufgestellt. Das machen noch
die beiden Profis im Führerstand. Es ist ca. 4 Uhr mor-
gens und wohlbemerkt Sonntag. Wer fährt da schon um
diese Zeit mit einem Personenzug? Denkste! Bis zur
Abfahrt pünktlich um 4.16 Uhr ist der Zug schon ganz gut
mehrheitlich von Frauen besetzt, die nach Poznan zur
Arbeit fahren (Pflegerinnen, Verkäuferinnen, Marktfahrer)
 
Es geht los: Aus dem vielgleisigen Bahnhof mit entspre-
chend vielen Weichen findet der spätere „Fahrlehrer“
den Weg auf die einspurige Trasse nach Poznan. Der Zug
ist gerade mit etwa 80 Sachen unterwegs, da verlässt der
Lokführer seinen Stuhl und bietet ihn meinem Bruder Wisi
an, der zwar schon viele Dampfloks gesehen, aber noch
nie bedient hat. Mit Zeichensprache wird er an die Lok
und seine Hebel und Räder herangeführt und schon nach
wenigen Halts an den kleinen Stationen kann mein Bruder kräftig anfahren, Geschwindigkeit halten, am richtigen Ort pfeifen und bei den Stationen genügend stark aber sanft bremsen.
Hei, das ist die Erfüllung des grossen Bubentraums!
 
Mein Bruder führt den Zug während ca. 90 Min. beinahe selbständig und erst als das  Geleise in die internationale Strecke einmündet übernimmt der Profi die Lokführung
wieder selber und stoppt den Zug pünktlich um 6.28 Uhr auf Gleis 5 in Poznan.
 
Langsam wird es hell. Die Hinfahrt fand bei völliger
Dunkelheit statt. Die Lok muss nun bis zur Rückfahrt um
8.10 Uhr gewartet und gedreht werden. Wir fahren mit
dem Ungetüm zur Drehscheibe und zum Wasserschlauch.
Ca. 3 Tonnen Wasser haben wir in den 2 Std. verbraucht
und etwa 1,5 Tonnen Kohle. Die gibts aber erst wieder
nach der Rückfahrt in Wolsztyn!
Ab 7.30 Uhr steht der Zug zum Einsteigen bereit. Es sind
nun mehrheitlich Sonntagsausflügler. Ob die wohl wissen, dass sie von 2 Schweizer Fahrschülern (Heiri und meiner Wenigkeit) chauffiert werden? Die erste Streckenhälfte greife ich ins Locksteuergestänge, dann macht das für den Rest des Rückwegs Heiri (Dass wir durch unser ungestümes Hantieren am Hauptventil die Maschine fast „ruiniert“ haben, sei nur am Rande erwähnt! Die Lok fährt heute im 2010 immer noch)
 
Um 10.15 Uhr erreichen wir Wolsztyn, wo die Maschine
neu bekohlt, entschlackt und erneut mit Wasser versorgt
wird, um ab ca. 14 Uhr die gleiche Tour mit einer
anderen Fahrlehrer- und Schülercrew zu wiederholen.
 
Ich kann nur jedem Dampflokfan empfehlen sich mal bei:
 
einzuloggen (deutsche Version vorhanden) und ev. selber mal dort einen Besuch abzustatten. Es sind zur Zeit noch etwa 10 verschiedene Dampfrösser im täglichen Einsatz. Die Frage ist nur, wie lange noch?
Mehr Bilder:   klicke hier?
Wer mehr über unser Abenteuer in Polen im Herbst 2003 wissen will, sende mir eine Mail! (klicke am Seitenanfang auf „Willkommen“)
Dampflokfahrschule in Wolsztyn www.parowozy.com.pl
Die Dampfrösser
von Wolsztyn, die bei unserem 5-tägigen Besuch 2003 einsatzbereit und in Betrieb waren:
 
OL49  (5 in Betrieb)
 
 
 
 
 
 
 
 
PT 47 (2 in Betrieb)
 
 
 
 
 
 
 
 
TR5-65
 
 
 
 
 
 
 
 
Ty1-76
(zZ. nicht in Betrieb)
 
 
 
 
 
 
 
 
Pm36-2 genannt die
„Schöne Helena“
 
 
 
 
 
 
 
 
Ok1(2, eine in Betrieb)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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